Lehrplan
- 9 Abschnitte
- 34-Lektionen
- unbegrenzt
- 1. EinleitungEinführung1
- 2. Warum Sport für die Regeneration wichtig ist6
- 3. Die Bedürfnisse der VoTs verstehen4
- 4. Ethische und Sicherheitsprinzipien7
- 5. Traumasensible Sportpraxis7
- 6. Gestaltung inklusiver und effektiver Sportaktivitäten4
- 7. Selbstfürsorge und berufliches Wohlbefinden4
- 8. Ressourcen und Links1
- 9. FEEDBACK1
5.3 Interaktives Story-Verzweigungsszenario
Interaktives Story-Verzweigungsszenario
Interaktives Verlaufsfeedback
Szene 1: Erste Sitzung mit der neuen Gruppe
Du bist Alex, ein Trainer, der wöchentlich eine Bewegungs- und Spielgruppe in einem Gemeindezentrum leitet. Die Gruppe besteht aus jungen Erwachsenen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind oder gefährdet sind und von einer lokalen NGO vermittelt wurden. Du weißt, dass einige Hypervigilanz, Dissoziation und starke Reaktionen auf Berührung oder Geräusche erleben können, kennst aber nicht die individuellen Geschichten. Heute ist der erste Tag eines sechswöchigen Zyklus. Der Raum ist hell und bietet Privatsphäre, und du hast mit der NGO vereinbart, dass bei Bedarf eine psychosoziale Mitarbeiterin (Lina) in der Nähe ist. Als die Teilnehmer eintreffen, steht eine junge Frau, Sara, mit verschränkten Armen in der Nähe der Tür und mustert den Raum. Sie trägt ihre Tasche über der Schulter und vermeidet Augenkontakt. Du erklärst kurz den Ablauf: “Wir beginnen mit einem leichten Aufwärmprogramm, einem einfachen Spiel und zum Abschluss Dehnübungen und Atemübungen. Du kannst jederzeit eine leichtere Variante wählen, aussetzen oder einfach nur zusehen..”
Dann lädst du alle ein, ihre Gefühle mit einer einfachen Geste auszudrücken (Daumen hoch/seitlich/runter), und sagst, dass sie nicht sprechen müssen, wenn sie nicht wollen. Die meisten geben ein Zeichen; Sara tut nichts und schaut auf den Boden. Was tust du?
A. Rufen Sie Sara direkt an: “Sara, du hast nichts gezeigt. Kannst du uns sagen, wie du dich fühlst, damit wir wissen, dass du wirklich teilnimmst?”
Rückmeldung: Diese Vorgehensweise erhöht den Druck und kann sich wie ein Verhör anfühlen, insbesondere für Überlebende, die es gewohnt sind, zur Aussage gezwungen zu werden. Sie birgt die Gefahr, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit zu untergraben, da sie Sara herausstellt und ihren Wert an sichtbare Beteiligung knüpft.
B. Wiederholen Sie dies der gesamten Gruppe: “Es ist völlig in Ordnung, heute einfach nur zuzuhören oder zuzusehen. Du kannst jederzeit mitmachen, wenn du dich bereit fühlst. Niemand muss seine Gründe erklären..Dann mach weiter, ohne Sara unter Druck zu setzen.
RückmeldungDiese Reaktion respektiert Wahlfreiheit und Selbstbestimmung: Sie normalisieren unterschiedliche Formen der Teilnahme und zeigen, dass allein die Anwesenheit im Raum eine akzeptable Beteiligung darstellt. Zudem wahren Sie die psychologische Sicherheit, indem Sie Sara weder zu Offenbarungen noch zu mehr Aufmerksamkeit zwingen.
C. Ignorieren Sie die Reaktionen und stürzen Sie sich sofort in ein schnelles, wettbewerbsorientiertes Laufspiel, um das Eis zu brechen.
RückmeldungDas Auslassen eines sanften Einstiegs und einer Erläuterung der Wahlmöglichkeiten kann Erregung und Angst auslösen, insbesondere bei Menschen mit Hypervigilanz. Es vernachlässigt das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit und Ruhe und kann dazu führen, dass sich einige Teilnehmer zurückziehen.
Szene 2.1: Das überstürzte Aufwärmen
Ihr beginnt ein kurzes Laufspiel mit lautem Klatschen und aufgeregtem Rufen. Einige Teilnehmer haben Spaß, zwei stehen jedoch am Ende und bewegen sich kaum. Sara bleibt in der Nähe der Tür und führt jede Aktion nur minimal aus. Als ihr laut klatscht, um einen Richtungswechsel anzukündigen, erstarrt sie plötzlich, ihr Atem geht schneller und sie starrt in die Ferne. Wie reagiert ihr?
A. Über die Musik hinwegrufen: “Hör jetzt nicht auf, Sara! Mach weiter, keine Ausreden – wir sind alle müde!”
Rückmeldung: Dies reproduziert den Druck, keine Ausreden gelten zu lassen, und ignoriert Anzeichen von Stress wie Erstarren und beschleunigte Atmung, die Reaktionen auf ein Trauma sein können. Es birgt das Risiko einer Retraumatisierung und vermittelt die Botschaft, dass Leistung wichtiger ist als Sicherheit.
B. Fragen Sie eine andere Teilnehmerin laut: “Können Sie bitte nach ihr sehen?”, während Sie die Gruppe weiter leiten.
RückmeldungÜber Sara öffentlich zu sprechen, kann beschämend und entblößend wirken. Es untergräbt Sicherheit und Zusammenarbeit, indem ihre Reaktion zu einem Spektakel gemacht wird, anstatt als Signal zur Anpassung des Umfelds zu dienen.
C. Die Musik leiser stellen, hinübergehen und sanft sagen: “Mir ist aufgefallen, dass sich die Veränderung intensiv angefühlt hat. Möchtest du eine Pause an der Wand machen und einfach eine Weile zusehen?”
RückmeldungSie erkennen mögliche Anzeichen eines Traumas und bieten Sara in diesem Moment Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielraum. Indem Sie die Intensität anpassen und konkrete Optionen anbieten, beweisen Sie Vertrauenswürdigkeit und helfen Sara, sich zu regulieren, anstatt sie durch unangenehme Situationen zu zwingen.
Szene 2.2: Der vorhersehbare Anfang
Da Sie die Sitzung klar strukturiert und wiederholt haben, dass jeder selbst entscheiden kann, wie stark er sich einbringen möchte, gelingt der Gruppe ein sanftes Aufwärmtraining leichter. Sie führen einfache, langsame Bewegungen aus und sprechen ruhig und gleichmäßig. Sara folgt in ihrem eigenen Tempo und bleibt in der Nähe der Tür. Als Sie die Teilnehmer bitten, sich für eine Ballspielübung mit leichten Handberührungen in Zweiergruppen zusammenzufinden, zögert sie und schaut sich um. Lina, die psychosoziale Mitarbeiterin, beobachtet das Geschehen still von der Seite. Wie bereiten Sie die Übung vor?
A. Sagen Sie: “Sie können wählen: mit einem Partner arbeiten, alleine mit dem Ball arbeiten oder diese Runde einfach nur ansehen. Alle Optionen sind in Ordnung.” Dann demonstrieren Sie jede Option.
Rückmeldung: Das Anbieten klarer Wahlmöglichkeiten macht Autonomie sichtbar und vermittelt, dass Körper und Teilhabegrad tatsächlich dem Individuum gehören. Dies fördert die Selbstbestimmung und hilft den Teilnehmenden, Bewegung in ihrem eigenen Tempo auszuprobieren.
B. Sagen Sie: “Jeder braucht einen Partner. Wenn jemand draußen bleibt, funktioniert das Spiel nicht, also macht bitte alle voll mit.”
RückmeldungDie Forderung nach vollständiger Teilnahme schränkt die Wahlmöglichkeiten und die Kontrolle ein und kann sich ähnlich wie der Zwang anfühlen, den man während Ausbeutung erlebt hat. Sie ignoriert zudem, dass allein die Anwesenheit im Raum und das Beobachten für manche Überlebende bereits ein großer Schritt sein kann.
C. Weisen Sie die Partner selbst schnell zu, um Zeit zu sparen, und bringen Sie Sara mit dem energiegeladensten Teilnehmer zusammen.
RückmeldungDie Einschränkung der Wahlmöglichkeiten der Teilnehmenden hinsichtlich Partner und Intensität kann Ängste verstärken und das Vertrauen mindern. Dieser Ansatz priorisiert Effizienz gegenüber Sicherheit und Zusammenarbeit.
Szene 3.1: Vertrauen noch nicht aufgebaut
Später im Kurs spielt die Gruppe einen Staffellauf mit Anfeuerungsrufen und Zeitdruck. Manche Teilnehmer werden lauter, andere leiser. Sara zieht sich immer weiter zurück und hört schließlich ganz auf mitzumachen. Als der Kurs zu Ende ist, drängt die Zeit. Die Leute gehen schnell. Sara bleibt mit ihrer Tasche fest umklammert in der Nähe der Tür stehen. Wie schließt man da ab?
A. Du eilst zu Sara und sagst fröhlich: “Nächstes Mal möchte ich, dass du dich mehr beteiligst. Nur so wird dir das wirklich helfen!”
Rückmeldung: Die Verknüpfung zukünftiger Willkommensangebote mit “mehr Beteiligung” vermittelt den Eindruck bedingter Akzeptanz und kann als Druck oder Schuldzuweisung empfunden werden. Dies untergräbt das Selbstbestimmungsgefühl und könnte Sara von einer Rückkehr abhalten.
B. Du packst die Ausrüstung zusammen und lässt alle gehen, ohne eine Abschiedsroutine zu veranstalten: “Danke, bis zum nächsten Mal!”, ruft man quer durch den Raum.
RückmeldungEin abrupter Abbruch ohne Erdung kann die Teilnehmenden in einen desorganisierten Zustand versetzen und Ängste oder die Vermeidung zukünftiger Sitzungen verstärken. Dadurch wird eine wichtige Chance verpasst, Regulation und Kontinuität zu fördern.
C. Sie versammeln die Gruppe zu einer 2-minütigen Entspannungsübung mit Atem- und Dehnübungen und laden dann jeden, der bleiben und sich unterhalten möchte, dazu ein, ohne dabei auf einzelne Personen zuzugehen.
RückmeldungSelbst eine kurze, vorhersehbare Auszeit hilft dem Nervensystem, sich zu beruhigen und signalisiert, dass der emotionale Zustand wichtiger ist als die Aktivität. Wenn man jedoch nicht persönlich mit jemandem spricht, der sich deutlich zurückgezogen hat, kann sich diese Person dennoch übersehen fühlen. Persönliche Gespräche erfordern nicht, jemanden vor der Gruppe bloßzustellen. Sie können unauffällig, optional und vertraulich sein.
Szene 3.2: Gebäudesicherheit und Behörden
Sara beobachtet einen Teil der Stunde und macht den anderen Teil bei einer leichteren Variante der Übungen mit. Sie bleibt dabei in der Nähe der Tür, ahmt aber gelegentlich Ihre Dehnübungen nach. Zum Abschluss leiten Sie ein fünfminütiges Cool-down mit langsamer Atmung und einfachen Dehnübungen an und laden die Teilnehmenden ein, ihre Füße auf dem Boden und den Kontakt mit der Matte wahrzunehmen. Anschließend bieten Sie eine nonverbale Möglichkeit zur Reflexion an: farbige Karten, die die Teilnehmenden in eine Box in der Nähe des Ausgangs werfen können (grün = “gut genug”, gelb = “durchwachsen”, rot = “schwierig”). Sara nimmt eine gelbe Karte und bleibt in Ihrer Nähe stehen. Wie reagieren Sie?
A. Sagen Sie leise: “Vielen Dank, dass Sie heute hier sind. Wie fühlen Sie sich im Moment? Sie müssen keine Einzelheiten erzählen. Gibt es etwas, das Sie vor Ihrer Abreise noch benötigen, zum Beispiel einen Moment Zeit, etwas Wasser oder ein kurzes Gespräch mit Lina?”
Rückmeldung: Dies zeugt von Vertrauenswürdigkeit und Kooperationsbereitschaft: Sie laden zum Austausch ein, ohne ihn zu erzwingen, und verbinden den Sportraum auf sichere Weise mit einem breiteren Unterstützungsnetzwerk. Indem Sie betonen, dass die Teilnehmerin selbst entscheiden kann, was sie sagt, respektieren Sie Grenzen und stärken das Gefühl der Kontrolle. Vermeiden Sie bei Einzelgesprächen offene Fragen, die zu persönlichen Offenbarungen verleiten. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf unmittelbares Wohlbefinden, Sicherheit oder praktische Unterstützung im Zusammenhang mit der Trainingseinheit.
B. Lächeln Sie und sagen Sie laut: “Siehst du, das war gar nicht so schlimm! Nächstes Mal bist du bereit für mehr, oder?”
RückmeldungDies mindert ihre gemischten Gefühle und erzeugt einen leichten Druck, beim nächsten Mal “mehr zu tun”, was ihr Sicherheitsgefühl und ihre Wahlmöglichkeiten beeinträchtigen kann. Es birgt auch das Risiko von Schamgefühlen, falls sie noch nicht bereit ist, die Intensität zu steigern.
C. Vermeiden Sie jegliche Interaktion, falls Sie dadurch “etwas auslösen”, und sagen Sie einfach aus der Ferne “Tschüss, bis dann”.
RückmeldungJeglicher persönlicher Kontakt kann als Desinteresse oder Ablehnung interpretiert werden, insbesondere von Menschen mit negativen Erfahrungen in der Vergangenheit. Dadurch wird die Chance verpasst, Vertrauen aufzubauen.
